Rezensionen

Dr. sc. Günter Meißner

 

Von Beginn an hat Möbius die Publikumsbrücke der Gefälligkeit zum Erfolg, die vielleicht bei seinem späten Eintritt ins eigentliche Malerdasein nahe gelegen hätte, nicht beschritten. Ihm ging es einfach und allein um die Sache, den Kern allen ernsthaften Künstlertums, die endliche Entäußerung eines unstillbaren, in einem selbst ruhenden Gestaltungsdranges. (Auszug aus dem Katalogtext Michael Möbius, 1995)

 

Der Maler, Zeichner und Radierer Möbius erzählt nicht viel. Er rückt das Nahe und Einfache ins Blickfeld. Es sind Dinge, die ihm vertraut sind, mehr noch, die vergenständlichtes Ich geworden sind. Daher „knetet er“ – wie einmal ein Kritiker treffend bemerkte (M. Hametner) – „die Form, bis sie alle überflüssigen Details verliert, und die Farbe solange, bis sie seine Energie trägt.“ (Auszug aus der Einführung zur Ausstellungseröffnung in der Dresdner Bank Leipzig, 1998)

 

 

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Rainer Behrends anlässlich der Ausstellung „Michael Möbius – Malerei/Grafik“ am 12.11.2014 in der Galerie „ART IN“ in Meerane (Auszüge)

 

Die Motive und Themen der Arbeiten von Michael Möbius sind weder ungewöhnlich noch gar spektakulär, sie sind nicht ausgedacht, konstruiert, sind keine Kopfgeburten – sie sind sozusagen alltäglich, man kann sie allüberall und immer wieder antreffen. Es bedarf nicht besonderer Belesenheit, auch nicht philosophischer oder historischer Vorbildung, um mit ihnen einen Dialog zu führen. Seine Bilder entstammen einer Umwelt, die auch die unsere ist. Dennoch sind sie ganz besonders und in sich einzigartig, denn sie bilden weder ab noch nach. In ihnen verwandelt der Künstler Elemente dessen, was uns umgibt und gegenwärtig ist, nämlich Objekte, auch ausschnitthafte Fragmente von Landschaften oder Urbanität, kurz, was wir Realität nennen, in eine neue und überraschende Wirklichkeit, in die Realität seiner Bilder. Er selbst sagt: „Das Motiv ist optischer Ausgangspunkt. Im Prozess des Machens verdichten sich Empfindungen – Formen und Farben organisieren sich neu – das Bild entsteht.“ …

Gewonnen ist die vom Betrachter erlebte Ruhe und Harmonie der Bilder von Michael Möbius ebenfalls als Ergebnis von Kraftanstrengung, zwar nicht physischer, vielmehr geistiger Natur, als Konzentration der malerischen Mittel, sichtbar in der Überlagerung farbiger Flächen, die gegeneinander nicht scharf abgegrenzt sind, aber auch nicht transparent durchscheinend.

Die Motive seiner Natur- und Stadtbilder sind ihm allesamt begegnet, überraschend bei Spaziergängen oder bewusst aufgesucht. Ihre Erscheinung und Stimmung hat ihn bewegt. Zeichnungen „vor Ort“ entstehen nicht, gelegentlich geben Fotos Anhalte. Die Bilder werden nicht durch Zeichnungen kompositionell ausgearbeitet und vorbereitet, auch liegen ihnen nicht zeichnerisch orientierende Elemente auf der Malfläche zugrunde. Natürlich besitzt der Künstler eine Vorstellung davon, wie sein Bild in etwa sich gestalten würde, sind Proportionen des Motivs bestimmt, doch das Bild selbst entwickelt sich während des Malvorgangs und verwandelt sich dabei ständig. Die Situationen seiner Bilder sind real, jedoch nicht an bestimmte und aufsuchbare Orte gebunden. Man kann sich erinnern, Brücken, Waldstücke, Parksichten, Wiesen oder Felder ähnlich schon selbst gesehen und ähnliche Empfindungen erlebt zu haben – insofern sind Michael Möbius Bilder durchaus real – allerdings allein in einer von ihm geschaffenen Wirklichkeit. In den Landschaften waltet Sehnsucht nach Harmonie und Stille, keine Hektik ist zu spüren, alles ruht in sich selbst, der Mensch ist Betrachter nicht Handelnder und erscheint auch kaum in den Bildern. Selbst die Giebelseite eines Abrisshauses mit ihrer kästchenhaften Gliederung und den verwaschenen Farben wirkt majestätisch, fast monumental, herausgeschnitten aus der Einbindung urbaner Situationen, gleichend einem Denkmal, bedroht und vergänglich. Das Gemälde erscheint gänzlich anders als motivlich vergleichbare Bilder, die zwei Jahrzehnte zuvor entstanden sind mit kräftig - warmen Farben und starkem Relief.

Alltagsgegenstände – alte Tafelwaage, Teekanne, Gartenstuhl oder klobiger Sessel, Nähtisch etc. – werden groß ins Bild gerückt und gleichsam als Skulpturen bildlich dokumentiert. Verwandt sind ihnen die als Serie gestalteten Puppenbilder. Gleich, ob sie neben Spielzeugen oder Gerätschaften wie Teile von Stillleben gesehen werden oder vereinzelt auf hohem Gestell abgelegt sind, sie rufen vergangene Zeiten und andere Menschen als Empfindung zurück, farbig hinterleuchtet und in sich ruhend.

Die Malhaut, also die Oberfläche aller dieser Bilder ist nicht glatt, vielmehr erscheint sie rau, die Farbmaterie bildet Krusten, wirkt rissig und erhebt sich als Relief über den Grund. . . .

Auf einen scheinbar völlig anderen Künstler treffen wir in den Aktstudien der Serie „Mädchen“ – ausgestellt sind als Auswahl zwischen 2000 und 2013 entstandene Ölskizzen auf schwarzen Papieren. Sie erscheinen wie aus einem Impuls heraus entstanden, die Farben spontan mit dem Pinsel auf das Papier gesetzt, ineinander und übereinander, nicht formbeschreibend, sondern als Materie wirkend und zum Relief gesteigert, vom Augenblick bestimmt. Mitunter sind vorbereitend flüchtige Farbstiftstriche skizzenhafte Vorbereitung. Sie wirken wie gemalte „Minutenakte“. . . .

Dem Material und seiner technischen Bewältigung geschuldet sind die Holzschnitte von Michael Möbius formbestimmter und quasi konkreter, jedenfalls betont strenger in ihren Formulierungen. Die farbigen Aquatintaradierungen hingegen neigen zur dramatischen, geradezu barock zu nennenden Steigerung von Farben und Formen.